von Joachim Bennewitz
Im November des Jahres 1915 wurden viele Weißenseer Schulkinder davon überrascht, daß ihnen für ein paar Tage schulfrei gewährt wurde. Weil, wie sich schnell herumsprach, die Schulgebäude geräumt werden mußten. Der Spaß, völlig außer der Reihe Ferien zu bekommen, wich bald der Ernüchterung: Künftig war mit Schichtunterricht zu leben.
In die Häuser an der Bernkasteler, Langhans-, Wörth-(Smetana-), Wilhelm-(Behaim-) und Falkenberger Straße zogen Männer in feldgrauen Uniformen ein: Die Kriegsgarnison, die Weißensee für fast vier Jahre das Gepräge geben sollte. Nun lebten in den Gemeindeschulen, dem Schloß, der Stadthalle und gerade fertiggestellten Wohnungs-Neubauten in der Caseler und Trarbacher Straße über 3 700 Soldaten, für die Offiziere wurden in verschiedenen Straßen Wohnungen angemietet. Mehrere der Schulen wurden eilends mit elektrischem Licht und zusätzlichen Toiletten versehen. Das Restaurant der Stadthalle (heute Frei-Zeit-Haus) bekam den Rang eines Offiziers-Casinos, die Bethanienkirche am Mirbachplatz den der Garnisonkirche. Und, um gegen alle Eventualitäten gewappnet zu sein, wurden die Sanitäranlagen der Pumpstation in der Pistoriusstraße als Badeanstalt genutzt und als "Lausoleum", wie einer der Soldaten seinen Angehörigen auf einer erhalten gebliebenen Ansichtskarte berichtete.

Die Einrichtung der Garnison war nicht vordergründig, wie bisher dargestellt worden ist, zur Disziplinierung des Arbeitervorortes eingerichtet worden. Diese Funktion erhielt sie erst später, als die Arbeiterinnen und Arbeiter der Weißenseer Rüstungsbetriebe, wie der Kugellagerfabrik Riebe, sich der Antikriegsbewegung der Berliner Arbeiterschaft anschlossen. Ursprünglich waren die Soldaten hierher verlegt worden, weil sich die Gemeindeverwaltung genau wie andere Vororte Berlins intensiv darum bemüht hatte. Der Krieg hatte den wirtschaftlichen Aufschwung, der sich besonders nach der Inbetriebnahme der Industriebahn gezeigt hatte, unterbrochen. Arbeitslosigkeit, durch Produktionseinschränkungen folgende Steuerverluste und der erhebliche Rückgang des Ausflugsverkehrs hatten den Entschluß dazu reifen lassen. Am 30.10.1915 unterzeichneten die Gemeinde und die Garnisonverwaltung II Berlin den Vertrag, und nur knapp eine Woche später zog am 5. November das Ersatz-Bataillon des 1.Garde-Reserve-Regiments mit klingendem Spiel ein. Für die feierliche Begrüßung war der 6. November, ein Sonnabend, gut gewählt. Hatten doch die Einwohner des Ortes damit gute Gelegenheit, in den mit Fahnen und Girlanden geschmückten Straßen den Aufzug zu erleben. Die feierliche Begrüßung der gesamten Einheiten fand auf der Rennbahn statt.
Bürgermeister Woelck beschwor in seiner Begrüßung die Verbindung Weißensees zum angestammten Herrscherhaus mit der Erinnerung an den Empfang der Königin Luise im Jahre 1809 und den späteren Manöveraufenthalt des jungen Wilhelm II., der im Hause des Gemeindevorstehers Feldtmann gewohnt hatte. 3000 Schulkinder waren aufgeboten, und mit einem dreifachen "Hurra" und dem Gesang der Hymne: "Heil Dir im Siegerkranz" fand die Parade ihren Abschluß. Am Abend wurde im Gymnasium für das Offizierskorps ein Essen gegeben, wozu man eigens die kleine Fontäne auf dem Kreuzpfuhl mit Scheinwerfern beleuchten ließ. Es gab Fasanensuppe, Kalbsrücken, Steinbutt in holländischer Tunke, Masthühner, Sellerie mit Rindermark, Eis, Käsestangen, Mokka, diverse Weine zu jedem Gang, schließlich Likör, alles Dinge, die für die gemeinen Bürger bereits zur Seltenheit geworden waren oder nur noch in der Erinnerung lebten. Aus Protest gegen die Finanzierung auf Gemeindekosten, sicher aber auch wegen des verordneten Frackzwangs, lehnten 18 der 25 eingeladenen Gemeindevertreter die Teilnahme ab. Die Mannschaften wurden derweil im Schloßpark-Etablissement bewirtet, für sie hatte die Brauerei Gabriel & Richter 30 hl Bier gestiftet, weiteres Bier und Zigarren kamen durch eine Spendensammlung zusammen. Ausgegeben wurden für 3111 Mann insgesamt 1000 Biermarken und 3500 Zigarren. Die Gemeinde stellte 100050 Mark bereit, wovon eine Exerzierhalle, eine Bedürfnisanstalt, Gas und Licht in den Schulen sowie die Ausschmückung der Straßen im Werte von 2000 Mark finanziert wurden. Weitere 3500 Mark erhielt die Patzenhofer-Brauerei als Entschädigung für den Umsatzausfall im nun für die Bevölkerung gesperrten Casino. Welche weiteren Aufwendungen in den Folgejahren entstanden, ist aus den Akten im Berliner Landesarchiv nicht zu entnehmen. Nur, daß erst im Februar 1919, also ein Vierteljahr nach Revolution und Abdankung des Kaisers, die Kriegsgarnison Weißensee wieder verließ. Am 21. Februar zogen die letzten Truppen ab. Sie hatten, wohl um die Besetzung der Schulen rückgängig zu machen, zu einem Teil bereits längere Zeit auf dem Schloßgelände Quartier nehmen müssen. Hier, neben dem >bal champétre<, in dem sie am Begrüssungstag gefeiert hatten, begannen sie, die von ihnen benutzten Strohsäcke zu verbrennen. Preußisch-gründlich, wie es scheint: Der Holzbau und mit ihm das daneben gelegene Schloß brannten vollständig nieder. Mit dem Abzug der Garnison verlor der Ort eines seiner markantesten Bauwerke. Nichts mehr im Park erinnert daran. Und von der Kriegsgarnison weiß wohl kaum jemand noch etwas. 1919 gehörte sie schließlich auch zu den Resten einer untergegangenen Epoche und wurde schnell vergessen.
