von Joachim Bennewitz
Treffen historisch gewachsene Aufgaben und in ihnen handelnde Personen in idealer Weise zusammen, entstehen daraus nicht selten geschichtliche Ereignisse oder wenigstens legendäre Persönlichkeiten. Das gilt für die große Welt ebenso wie für kleine Gemeinden oder auch nur Familienverbände. Heinrich Feldtmann könnte rückblickend für Weißensee zu einer solchen Persönlichkeit ernannt werden, wenn er es nicht schon zu Lebzeiten gewesen wäre. Der am 12. Juni 1838 in Nienburg an der Weser geborene Sohn eines Tischlers hatte seine Fähigkeiten in verschiedenen Stellungen auf landwirtschaftlichem Gebiet erworben und offenbar so gut entwickelt, daß er 1874 zum Verwalter des Rittergutes Weißensee bestellt wurde.
Dabei bestand seine Hauptaufgabe keineswegs in der agrarischen Weiterentwicklung des Gutes, war dieses doch schon 1872 an den Bauspekulanten Gustav Adolf Schön verkauft worden. Vielmehr hatte er die Abwicklung der „alten“ Gutsaufgaben abzusichern, in erster Linie jedoch die neuen Ziele - Erschließung des Territoriums und Vermarktung der auf diesem geschaffenen Parzellen - zu erfüllen. Er erhielt dazu die Funktion des Direktors der >Weißensee-Aktiengesellschaft<. Zu dieser Zeit hatte das Dorf einschließlich des Gutsbezirks rund 1600 Einwohner (zwei Jahre zuvor waren es noch etwas mehr als 500 gewesen), die ihn folgerichtig schließlich 1877 Amtsvorsteher und drei Jahre danach Gemeindevorsteher der separaten aus dem Gutsbezirk gebildeten Villa in der Albertinenstraße bezogen, die zugleich die Amtsräume der Gemeinde aufnahm (und die bis zu ihrer Zerstörung im 2. Weltkrieg Teil des Rathauskomplexes blieb). In den nun folgenden 25 Jahren entwickelte sich Neu-Weißensee zu einem bedeutenden Vorort der Reichshauptstadt, es siedelten sich nicht nur die „einfachen“ Bürger der ersten Jahre an, sondern auch Beamte, Handwerker, mittelständische Gewerbetreibende, es entstanden Gärtnereien, Fleischfabriken, Lebensmittelwerke und Betriebe des Maschinenbaus. Die >Industrie-Werke Weissensee< des Hermann Ruthenberg, ein Beispiel früher Gewerbehöfe mit Wasser-, Gas- und Stromversorgung, machten den Ort ebenso bekannt, wie die erste Pferdebahn, die den Alexanderplatz berührte und an jedem Wochenende Tausende zum >Sternecker< nach Weißensee brachte. Die zuvor einfach gestalteten Straßen - noch zur Jahrhundertwende gab es auch in der heutigen Berliner Allee noch Gräben - wurden asphaltiert oder mit Steinpflaster versehen. Seinen Bemühungen verdankte die Gemeinde auch 1902 den Bau und schließlich die Einweihung der Bethanienkirche auf dem Mirbachplatz, herausgehoben durch die Anwesenheit des Kaiserpaares. Das Wirken in einer Vielzahl von Vereinen machte ihn ebenso zu einer fast volkstümlichen Figur. Als er starb, stellten allein 24 Vereine und Korporationen ihre Trauerdelegationen. Seine auf Öffentlichkeit gerichtete Tätigkeit trug ihm viele Sympathie ein, es ist verbürgt, dass er auch >Vater Feldtmann< genannt wurde. Man nahm Ihm sogar - was sich allerdings auch aus der Grundauffassung dieser Zeit ergeben haben dürfte - nicht übel, dass er sich der Mitwirkung von Frauen in der Gemeindearbeit vehement widersetzte. Und das, obgleich z.B. seine Frau durchaus wichtige Funktionen in Vereinen, besonders im Roten Kreuz, bekleidete und mit daran Anteil hatte, dass das Auguste- Victoria- Krankenhaus in der Schönstraße gebaut wurde. Seine Kommunalarbeit wurde schließlich auch 1894 durch die Wahl in den Provinziallandtag der Mark Brandenburg gewürdigt.
1905, die von ihm geduldig und gegen viele Widerstände vorbereitete Wiedervereinigung von Dorf und Neu- Weißensee, die Vorstufe zur Stadtwerdung war endlich Wirklichkeit geworden, starb Feldtmann unerwartet. Am 26. Juli abends traf ihn ein Herzschlag, mitten in seinen Arbeiten für die nun anstehenden Aufgaben als Vorsteher der neuen, großen Gemeinde. Seine Verdienste um Weißensee führten sofort zu dem Beschluss, ihn auf Kosten der Gemeinde beisetzen zu lassen. So erfolgte nach einem Trauerzug durch den Ort die Aufbahrung in der Bethanienkirche, am folgenden Sonnabend die öffentliche Trauerfeier an der u.a. neben dem Regierungspräsidenten und dem Landrat auch Vertreter der Berliner und Charlottenburger Behörden sowie der Kirchenorgane und des Roten Kreuzes teilnahmen. Anschließend wurde der Sarg an der GrabsteIle, der bereits fünf Jahre zuvor verstorbenen Frau Feldtmanns, auf dem Gemeindefriedhof Schönstraße beigesetzt. Zeitgenössische Berichte sagen, die Totenfeier hätte „einer königlichen Bestattung“ geglichen. Die Feldtmannstraße hatte ihren Namen schon zu seinen Lebzeiten erhalten, das Grab wurde noch eine Reihe von Jahren aus Mitteln einer von Feldtmann selbst veranlassten Stiftung gepflegt. Dann unterblieb dies, erst mit der Entscheidung des Senats, einem Antrag auf Zuerkennung einer EhrengrabsteIle zu entsprechen war es wieder möglich, eine Erneuerung vorzunehmen. Diese fand aus Anlass des 160. Geburtstages statt. Nun, zum 95. Todestag, spiegelt es die Ehrung wieder, die das Land einem bedeutenden Kommunalpolitiker auf dem Wege Berlins zur Metropole angedeihen läßt.
