... aus einer alten Werbeschrift

von Joachim Bennewitz

Gibt es eine Ortschaft in der Umgegend Berlins, die in hervorragender Weise ihr Aussehen verändert hat, und fort und fort zu verändern fortfährt, so ist es

Weißensee.

Das kleine, vor einem Jahre noch so winzige und man kann wohl sagen, auch armselige Dorf hat durch die Spekulation eine schon recht stattliche Physiognomie angenommen und der Bauer, der sich wacker quälte, um dem widerspenstigen Boden der Mark das tägliche Brod abzugewinnen, steckt heute behaglich die Hände in die Taschen, kleidet sich modisch und baut sich neue Häuser; - er hat ja seinen Acker kapitalisiert und genießt von ihm jetzt einen bedeutend höheren Zins alljährlich ohne Mühe, als ihm denselben sonst der Schweiß mehrerer Jahre nicht bringen wollte.
Das Aufblühen des Ortes aber macht sich auch in anderer Weise bemerklich. Die rege Bauthätigkeit, welche sich allenthalben zeigt, die große Zahl der Straßenpflasterer, der Ziegelarbeiter c.c. bevölkern den Ort mehr und mehr, so daß sich Kaufleute und namentlich Handwerker aller Art dort niedergelassen haben und zwar mit offenbar gutem Geschäftserfolge. Auch der “Bauverein für Mittelwohnungen”, der ein großes Terrain bei Weißensee besitzt, hat wesentlich beigetragen zur Hebung der Verhältnisse. Von ihm stehen bereits zehn große kasernenartige Häuser, welche fast vollständig bewohnt sind; zehn weitere sind im Bau begriffen. Ebenso stehen zwischen dem Chausseehause und dem Rittergut Weißensee an der Straße eine ziemlich beträchtliche Zahl eleganter Privatbauten, andere sind noch im Bau begriffen oder projectirt. Sonst erwähnenswerte Gebäude in Weißensee sind neben dem gutsherrlichen Schlosse nicht viele und ihre Aufzählung daher gewiß nicht ermüdend. Da ist zunächst das Landhaus des Herrn Majors Schütze. Schon vor einigen 60 Jahren war das jetzt im Besitz des Herrn Major Schütze durch seine Lage am See, in der Mitte eines schönen Gartens befindliche Landhaus, eine Zierde von Weißensee. Der genannte gegenwärtige Besitzer hat den Garten durch Herstellung überraschend schöner Anlagen zu einem wahren Kabinetsstück gärtnerischer Cultur, in der ausgiebigsten Weise umgeschaffen. Es knüpfen sich übrigens an das sonst einfache, doch wohnliche Landhaus, einige denkwürdige Erinnerungen an unsere hohe Königsfamilie. Am 23. December 1809 wurden bei ihrer Rückkehr von Königsberg, unmittelbar vor dem festlichen Einzuge in Berlin, Friedrich Wilhelm III und die Königin Louise, mit ihren beiden ältesten Söhnen mit einem kleinen Imbiß in demselben bewirthet. Die noch gegenwärtig unmittelbar vor dem Hause herausgewachsenen Bäume, damals in der Größe eines Spazierstockes, waren eigenthümlich dekorirt. Um den hohen Gästen die winterliche Umgebung zu verschönern und ihnen von den Fenstern des Hauses eine freundliche Aussicht zu bereiten; hindeutend damit auch vielleicht auf den bald erwachenden vaterländischen Frühling, hatte man die kleinen Bäumchen mit frischem Grün, Citronen und anderen Treibhausfrüchten dekorirt. Von der leutseligen Art und Weise ihres Bezeigens, mit dem sich das Herrscherpaar unter dem aufs Herzlichste sie begrüßenden Publikum bewegte, konnten noch manche Einwohner vor einigen Jahren viel erzählen.

Dieselben Räume sollten später auch der Prinzeß Charlotte, nach ihrer Verheirathung als Kaiserin von Rußland auf ihrer ersten Besuchsreise von Petersburg nach Berlin, eine festliche Aufnahme gewähren, wie denn auch unser Kaiser Wilhelm dieselben bei einem Manäver 1847 einen vollen Tag und eine Nacht für sich in Beschlag nahm.

Es hat ferner unser berühmter Prof. Dr. Martin, Geh. Medizinalrath, der die freie Luft des wasserreichen Weißensee ganz besonders schätzt, sich im Orte selbst ein Wohnhaus gebaut, in welchem er nebst Familie mit Vorliebe in Mußestunden Erholung und Stärkung suchen.

Hervorragend ist ferner das große, elegant eingerichtete Wohnhaus Hermann Roelcke‘s mit seinen künstlerisch ausgeführten Gartenanlagen, unmittelbar am See belegen. Dicht daneben in geschmackvollem Stil erfreut das Auge eine hübsche kunstgärtnerische Villeggiatur.

Das sog. “Café Rettig”, bis vor Kurzem noch das einzige Restaurant im Orte und seiner nächsten Umgebung weist als ersten Eigenthümer einen alten Veteranen aus den Freiheitskriegen, den alten Krause, auf, dessen sich noch heute die Bewohner des Ortes mit Vorliebe erinnern als eines jovialen Wirthes, der es verstand, stets einen gemüthlichen Kreis von Stammgästen um sich zu vereinigen. ...

Nach Krause ... kam das Café nacheinander in die Hände von ... bis 1865 der jetzige Besitzer Rettig es erwarb, seit welcher Zeit es unter dieser Firma sich allmählig immer mehr und mehr zu einem beliebten Wallfahrtsort der Berliner erhoben hat.

Und in der That verdient das “Café Rettig” den Ruf als schönes Etablissement, denn neben den vorzüglichen materiellen Genüssen, welche es in seinen großen Räumlichkeiten bietet, ist es vorzugsweise der parkähnliche Garten, welcher sich weit hinaus hinter dem Hause erstreckt und einen so schattigen, idyllischen Aufenthaltsort gewährt, wie ihn der Berliner sich selbst in der weitesten Umgebung nur wünschen kann.

Ausflüge von Weißensee nach Heinersdorf, Lichtenberg, Pankow und Niederschönhausen sind lohnend und reizvoll. Im Frühjahr 1774 ließ die Königin Elisabeth Christine von Preußen von Pankow nach Heinersdorf und im Herbst desselben Jahres von Heinersdorf bis Weißensee hindurch, und im Frühjahr 1775 nach Lichtenberg eine Linden-, Kastanien- und Rüstern-Allee setzen, welche vorzüglich heranwuchs. Leider wurden diese Alleen im Kriege 1806-7 fast vollständig umgehauen und nur ein Theil hoher starker Bäume zwischen Weißensee und Heinersdorf ist bis auf die heutige Zeit erhalten geblieben.

Die in letzter Zeit eingetretene Börsen- und Handelskalamität hat auch für die Spekulation in Weißensee manchen herben Schlag im Gefolge gehabt, ohne doch die Entwicklung des Ortes nur einen Moment aufzuhalten. Große Dinge sind augenblicklich im Werke und überraschend schnell hat sich die Liebhaberei für Weißensee gerade in einem Augenblick gehoben, der eher Rückgänge im Spekulationsgeschäfte erwarten ließ. ...

Wenn wir zum Schluß nun noch darauf hinweisen, daß die rege Spekulation in und um Weißensee auch eine bedeutend vermehrte Thätigkeit der Behörden hervorgerufen hat, so soll dieses Schlußwort eben nur ein Wort der Anerkennung sein für den Landrath des niederbarnim'schen Kreises, den Geh.Reg.-Rath Scharnweber, der durch prompte Erledigung der ihm obliegenden dienstlichen Geschäfte, wesentlich dazu berufen ist, die neu sich bildenden, oft sehr verwickelten Verhältnisse, mit ordnender Hand zu leiten. Der Landrath Scharnweber ist der Sohn eines Zeitgenossen Stein's, des in Preußen so hochverdienten Verfassers des Ediktes vom Jahre 1811 über die bedauerlichen *) und gutsherrlichen Verhältnisse, sowie über die Landeskultur, des königl. Staatsraths Scharnweber.

Unter Wahrung der originalen Schreibweise, jedoch mit geringen Kürzungen, entnommen aus dem als Werbung für den Ort 1873 in Charlottenburg herausgegebenen Bändchen >Weißensee und seine Umgebungen< von Heinrich Joachim (d.i. Gehlsen)

*) soll richtig bäuerliche heißen